Erlebnis Totale Sonnenfinsternis
Eine Astro-Fiction Geschichte
Nachdem
man alle Tabellen und Karten durchgelesen hat, will man wissen, was
man nun beim 1. Kontakt, 2. Kontakt und 3. Kontakt erleben wird. Diese kleine Geschichte
soll dazu dienen diesen geometrischen Begriffen Leben einzuhauchen. Als Beispiel nehme ich willkürlich
eine Ortschaft in Deutschland auf der Zentrallinie von 1999, ich war auch noch nie
selbst dort. Walpertskirchen liegt so schön auf dem 12. östlichen
Längengrad, deshalb soll das bayrische Dorf in dieser Geschichte unser
Beobachtungort sein. Träumen wir ein bißchen davon wie es am 11. August
1999 (Zeitangaben in Sommerzeit) gewesen wäre, wenn das Wetter mitgespielt hätte.
Die Geschichte kann sich auch zu einer anderen Zeit und anderem Ort abspielen und soll
zur Illustration dienen.
Hier erfahren Sie, wie es tatsächlich am 11. August 1999 war.
Der Himmel klar und blau. Um neun Uhr fahren wir mit dem Zug
von München, wo wir übernachteten, nach Walpertskirchen. Zu Fuß
suchen wir uns ein schönes, etwas abgelegenes Plätzchen mit freier
Sicht gegen Westen. Jemand der ein GPS dabei hat, gibt uns die Koordinaten:
11°59'45" Ost und 48°15'35" Nord. Dieser Ort liegt nur ein paar
hundert Meter von der Zentrallinie entfernt, deshalb werden wir bald 2
Minuten und 19 Sekunden lang die Sonne verfinstert sehen. Natürlich
darf an unserem Platz kein Baum die Sicht auf die Umgebung verdecken. Ohne
Bäume haben wir auch keinen Schatten, deshalb wird es gegen 11 Uhr sehr
heiß. Eine kleine Quellwolke taucht auf und verdeckt die Sonne kurz
und wir fragen uns, ob wir doch besser nach Augsburg hätten fahren
sollen? Die Wolke zieht sich zum Glück wieder zurück und weitere
Wolken bleiben in Alpennähe.
Einer aus der Gruppe stellt ein kleineres, älteres Linsenteleskop
auf. Mit dem Fernrohr projiziert er die Sonne auf einen kleinen Schirm.
Während er noch mit dem Justieren seines Teleskops beschäftigt
ist, montiere ich meinen Fotoapparat mit 600 mm Teleobjektiv auf ein Stativ.
Nachdem ich noch den aluminisierten Mylarfolienfilter auf mein Teleobjektiv
gesetzt habe, kann ich nun die Sonne ins Visier nehmen. Nachdem alle ihre
Instrumente aufgestellt haben, spüren wir wieder die Hitze. Es wird
nicht viel gesprochen. Man ist gespannt auf das große kosmische Schauspiel.
| 11 Uhr 14 |
Mittlerweile hat jemand ein Radio auf einen Sender
eingestellt, der einen Reporter auf dem Stuttgarter Fernsehturm hat. Im Radio
berichtet er, daß die partielle Finsternis begonnen habe. Hier in
Bayern ist die Sonne noch rund und heiß. Ich öffne bereits die
zweite Pet-Flasche Wasser.
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| 11 Uhr 19 |
Jemand, der gerade auf den weißen Schirm die
Sonne beobachtet, ruft: "Die Sonne hat eine Delle, seht doch!".
Tatsächlich, es geht los. Rasch macht jeder ein Foto, um den historischen
Moment festzuhalten.
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| 11 Uhr 30 |
Der Mond schiebt sich quälend langsam vor die
Sonne. In der ersten Viertelstunde hat er nicht viel mehr als den Sonnenrand
eingedrückt. Das bißchen abgedeckte Sonne hilft noch nicht gegen
die Hitze.
Am Himmel taucht ein Problem auf, denn eine zweite, etwas größere
Cumuluswolke hat sich relativ rasch gebildet und nähert sich bedrohlich
der Sonne.
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| 11 Uhr 45 |
Die Wolke hatte inzwischen die Sonne für fünf
Minuten verdeckt. Zum Glück scheint sie nun nicht mehr größer
zu werden. Der Mondrand nähert sich sehr langsam der Mitte der Sonnenscheibe.
Ich bemerke nun zum ersten Mal einen leichten Lichtabfall. Deshalb wirkt
die Wiese nicht mehr so grün. Wir sind uns aber noch nicht ganz sicher.
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| 12 Uhr 00 |
Der Mondrand überschreitet gerade die Sonnenmitte.
Jetzt sind wir uns alle einig. Es ist eindeutig dunkler und grauer geworden.
Die Wolke, die vorhin noch so bedrohlich wirkte, ist stark geschrumpft
und beginnt sich langsam aufzulösen. Die nun spürbare leichte
Abkühlung läßt offenbar die Thermik schwächer werden
und deshalb geht die Wolkenbildung zurück. Dafür zeigen sich
nun ein paar Cirren, die in weitem Abstand über den Himmel verstreut
liegen.
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| 12 Uhr 15 |
Es ist nun nicht mehr heiß, sondern angenehm
mild. Die Sonne ist mittlerweile zur dicken Sichel geworden. Die Umgebung
wirkt blaß und farblos. Der Reporter auf dem Fernsehturm in Stuttgart
ist wieder im Radio zu hören. Er behauptet, daß bei ihm in Stuttgart
der Westnordwest-Horizont deutlich grau wird. Hier in Walpertskirchen ist
das noch nicht so eindeutig zu sehen. Trotzdem werden nun mehrere Videokameras
eingeschaltet, die die Bewegung des Mondschatten aufzeichnen sollen.
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| 12 Uhr 25 |
Ein Gefühl der Anspannung und Erwartung beschleicht
mich. Das Sonnenlicht läßt spürbar nach. Der graue Horizont,
den der Reporter vor zehn Minuten aus Stuttgart gemeldet hatte, ist nun
auch hier zu sehen. Ein deutliches Helligkeitsgefälle von Westen gegenüber
Osten zeigt an, daß aus Westen etwas kommt.
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| 12 Uhr 30 |
Die Sonnensichel ist nur noch halb so dick wie vorhin.
Von Ferne aus dem Radio hört man die nun aufgeregte Stimme des Reporters
auf dem Stuttgarter Fernsehturm. "Die Sonne ist nur noch ein Strich, der
Schatten kommt wie eine Wand ...". Unsere Erwartung steigt. Nach gut zwei
Minuten gibt es kein Halt mehr in Stuttgart. "Die Sichel schrumpft. Man
sieht einen Stern. Da! Die große Wand schluckt uns... Die Korona!"
Bei uns beginnt die Beleuchtung merkwürdig ungewohnt zu werden.
Die Sonnensichel ist sehr dünn geworden und ihr Licht wirkt künstlich
und grell in der dunkler gewordenen Landschaft. Gegen Westen hin baut sich
eine dunkelblaue Wand auf. Sie gleicht einem Gewitter ohne Blitze und
Wolken. "Die Venus" ruft jemand. Tatsächlich, ein Stück neben
der mit der Hand abgedeckten Sonnensichel steht ein Stern. Wer aufmerksam
beobachtet, erkennt, wie gegen Westen horizontnahe Kondensstreifen und
hohe Cirren nach und nach verschwinden, denn der Kernschatten des Mondes
kommt mit doppelter Schallgeschwindigkeit näher und verschluckt die
hohen Schleierwolken Stück für Stück. Eine frische Brise
kommt unerwartet auf, gerade so, als wolle sie den Kernschatten ankündigen.
Auf einem weissen Tuch sieht man nun Muster die irgendwie an Lichtspiele
am Boden eines Schwimmbecken erinnern. Man fühlt sich nun wie auf
einem fremden Planeten versetzt, der einen Weissen Zwerg umkreist.
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| 12 Uhr 37 |
Es ist dunkelblau bis schwarz Richtung Westen. Man
kann in dieser Richtung keine Landschaft mehr erkennen. Die Finsternisbrillen
werden abgelegt, die Sonnenfilter von Fotoapparaten und Videokameras genommen,
während die nur noch fadendünne Sonnensichel in einzelne helle
Punkte zerfällt. Ein greller Punkt bleibt übrig. Ein paar Augenblicke
später ist auch dieser weg. Ich nehme das Fernglas und sehe einen
roten Strich hinter dem Mondrand verschwinden. Der Himmel hat eine schöne,
dunkelblaue Farbe angenommen. Merkur und Venus sind gut zu sehen nur das
Klicken von Fotoapparaten ist zu hören. Zum Glück haben alle
die Disziplin, keine Blitzlichtaufnahme zu schießen.
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| Eine gute Minute ist vorbei |
Wir befinden uns nun 50 km tief
im Kernschatten des Mondes. Am tiefblauen Himmel steht alles dominierend
die Korona. Links davon ist die helle Venus und rechts der etwas weniger
helle Merkur auffällig zu sehen. Ein paar weitere einzelne Sterne
liegen verstreut über den ganzen Himmel. Gegen Südwesten erkennt
man als einziges deutlich erkennbares Sternbild den Orion. Der Blick wandert
nach links, dort liegen ein paar Wölklein, wahrscheinlich über
den Chiemgauer Alpen, und lassen den Schattenrand erahnen. Das Alpenpanorama,
das gegen Süden und Südwesten nicht im Mondschatten liegt, ist
im gelblichem Licht gut zu sehen. Es ist so dunkel geworden, daß
man Gegenstände nur noch knapp erkennen kann. Der Horizont ist nun
zur Mitte der Totalität rundherum gelblich. Ein roter Fleck am Mondrand
ist wahrscheinlich eine Protuberanz. Magnetfelder reißen dort Gas
zehntausende Kilometer über die Photosphäre hinaus. Die Korona
leuchtet weißlich und farblos. Besonders ihre strahlenartigen Strukturen
wirken sehr groß und treten viel deutlicher als auf den Fotos gegenüber
der sonst nur schwach schimmernden Korona hervor.
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| Nun sind bereits zwei Minuten vorbei |
Richtung Westen wird der
Horizont heller, ein paar ferne Schleierwolken leuchten bereits wieder
in vollem Sonnenlicht. Hingegen ist nun Richtung Osten der Himmel bis zum
Horizont fast schwarz.
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| 2 Minuten 10 Sekunden |
Der rote Bogen der Chromosphäre taucht
nun auf der anderen Seite des Mondes wieder auf. Ein paar Sekunden später
fällt grell und alles überstrahlend das erste Licht der Photosphäre
durch ein Mondtal. Ein Augenblick vergeht, dann kommt daneben ein weiteres
Stück grelles Licht hervor, das die Korona verschwinden läßt.
Es ist höchste Zeit, das ungeschützte Auge abzuwenden. Im Osten
steht eine tief dunkelblaue Wand, während sich eine schmale Sonnensichel
ausbildet. Die Umgebung wird wieder in Licht getaucht. Ein grandioses Naturereignis
hatte eben stattgefunden. Es war so überwältigend schön.
Nicht nur die Korona, erst das Licht und Schattenspiel macht die totale
Sonnenfinsternis zum Großartigsten, was das Weltall uns Menschen
erleben läßt.
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| Gegen 13 Uhr |
Viele beginnen im langsam heller werdenden Licht ihre
Instrumente zu demontieren. Nur ein paar bleiben zurück um auch noch
die zweite partielle Phase zu dokumentieren. Im Radio ist nun ein anderer
Korrespondent zu hören. Seine Stimme klingt ruhig aber tief bewegt.
Er ist in Ungarn in Szeged und erlebt gerade das, was wir vor einer Viertelstunde
gesehen hatten.
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In die obige Beschreibung floß das ein, was ich
am 26. Februar 1998 während der totalen Sonnenfinsternis auf Curaçao erlebte.
=> Auf der
nächsten Seite haben wir die Beobachtungen
während einer totalen Sonnenfinsternis zusammengestellt.